Der Walddoktor: Schäden durch Spätfrost

Spätfrost bezeichnet Frost, der nach dem Beginn der Vegetationsperiode und dem ersten Austreiben der Pflanzen auftritt. Er entsteht, wenn nach einer Phase milder Temperaturen ein plötzlicher Kälteeinbruch einsetzt: Polare Luftmassen strömen nach Mitteleuropa und lassen die Temperaturen wieder unter den Gefrierpunkt sinken. Spätfrost kann im April oder Mai und gelegentlich sogar noch im Juni vorkommen.

Schäden durch späten Kälteinbruch
Besonders für den Wein- und Obstbau sowie für die Forstwirtschaft kann Spätfrost erhebliche Schäden bedeuten. Junge Triebe reagieren äußerst empfindlich auf Minusgrade. Kommt es nach milden Tagen zu einem Kälteeinbruch, können sie erfrieren. Typische Anzeichen sind braune, vertrocknete Blätter und Knospen. Frostschäden führen oft zu verlangsamtem Wachstum und verminderter Vitalität. Besonders junge Bäume sind gefährdet; bei ihnen kann es zu Absterben oder Folgeschäden wie Zwieselbildung und grober Astbildung kommen. Spätfrost kann außerdem die Blüte schädigen und so die Saatgutgewinnung beeinträchtigen.

Anpassungsstrategien heimischer Bäume
Heimische Baumarten haben unterschiedliche Strategien entwickelt, um Spätfrost zu überstehen. Eichen besitzen beispielsweise zahlreiche Reserveknospen und sind so in der Lage, Schäden am ersten Austrieb – etwa durch Frost, Trockenheit oder Insektenfraß – auszugleichen. Der zweite Austrieb erfolgt meist im Juni um den Johannistag und wird daher „Johannistrieb“ genannt. Dank dieser Fähigkeit treibt die Eiche oft schon früh im Jahr aus – trotz Frostrisiko. Dadurch gewinnt sie einen Wachstumsvorsprung. Allerdings kostet ein erneuter Austrieb viel Energie und kann die Bäume anfälliger für Schädlinge und Krankheiten machen. Später austreibende Bäume wachsen langsamer, sind jedoch in der Regel weniger frostgefährdet.

Anfälligkeit verschiedener Baumarten
Wie groß der Schaden ist, der durch Spätfrost entsteht, hängt sowohl vom Standort als auch von der Baumart ab. Typische Pionierbaumarten, wie die Waldkiefer  (Pinus sylvestris), die Eberesche (Sorbus aucuparia), die Aspe (Populus tremula), oder die Sandbirke (Betula pendula), sind recht unempfindlich gegenüber Spätfrost. Andere Arten, wie die Rotbuche (Fagus sylvatica), die Edelkastanie (Castanea sativa), oder die Esche (Fraxinus excelsior), sind deutlich gefährdeter. Auch innerhalb einer Art gibt es Unterschiede, die vor allem von der jeweiligen Herkunft („Lokalrasse“) abhängig sind.

Klimawandel und Verschiebung der Vegetationsperiode
Ob die Gefahr durch Spätfrost im Zuge des Klimawandels zu- oder abnimmt, wird derzeit intensiv beforscht. Zwar sinkt mit steigenden Temperaturen die Zahl der Frosttage, zugleich beginnt die Vegetationsperiode jedoch immer früher. Entscheidend ist daher nicht das Datum, sondern ob Pflanzen zum Zeitpunkt eines Kälteeinbruchs bereits ausgetrieben haben. Baumarten, die in der Lage sind, Frostschäden schnell auszugleichen, könnten künftig im Vorteil sein. Auch die Reaktion mutmaßlich klimastabiler, nicht heimischer Arten, wie der Orientbuche (Fagus orientalis) oder der Libanonzeder (Cedrus libani), wird derzeit untersucht. Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes deuten zudem darauf hin, dass das Spätfrostrisiko für viele Kulturpflanzen tendenziell steigt.

Frostgefährdete Standorte
Auf offenen Flächen und in Kaltluftsenken ist die Gefahr von Spätfrost besonders hoch, vor allem in klaren Nächten. Die Triebe junger Bäume und Sträucher erfrieren hier leicht, da die Luft in Bodennähe stärker auskühlt. Um das Risiko für Frostschäden zu verringern werden auf solchen Flächen gezielt spätfrosttolerante Baumarten gepflanzt. Auch ein lockerer Altbaumbestand und die Pflanzung junger Bäume im Schutz von Pionierarten mindern das Risiko. Bei der Beforstung versucht man außerdem, Pflanzungen so zu legen, dass der Austrieb erst nach den typischen Frostperioden erfolgt.