Blütenkunde: Vielfalt der Blütenstände

Blütenvielfalt
Die farbenfrohen Blüten der verschiedenen Pflanzenarten faszinieren uns immer wieder. Einige Arten wie beispielsweise Buschwindröschen (Anemone nemorosa) bilden nur unscheinbare einzelne Blüten aus. Andere wiederum fallen uns besonders durch die Vielzahl an Blüten auf, welche sich zu einem Blütenstand zusammensetzen.

Anemone nemorosa. Foto: Anke Bebber.

Einzelblüten
Der allgemeine Aufbau einer Blüte kann wie folgt beschrieben werden: Die jeweiligen Blüten sitzen an den oberen Enden der Blütenstängel, welcher verdickt ist und den Blütenboden bildet. Am Blütenboden können dann bis zu vier Typen modifizierter Blätter ansetzen: Kelchblätter, Kronblätter, Staubblätter und Fruchtblätter. Während die Kelch- und Kronblätter steril sind, stellen die Staub- und Fruchtblätter den fertilen Teil des Blütenorgans dar. Bei vielen Pflanzenarten wird das Wachstum des Hauptsprosses mit der Bildung einer einzelnen Blüte abgeschlossen.

Bildnachweis: Bernd Otten, CC BY 4.0

Aufbau einer Blüte. Grafik von Bernd Otten, CC BY 4.0.

Blütenstand
Häufiger entsteht jedoch durch Verzweigungen der Sprossachse eine Vielzahl an Blüten, sodass es zur Bildung eines Blütenstandes (Infloreszenz) kommt. In diesen Blütenständen werden die Blätter meist auch nicht als Laubblätter ausgebildet, sondern als kleinere Trag- oder Vorblätter. Weiterhin können die vielfältigen Arten der Blütenstände auch unterschiedlich gegliedert werden, wie beispielsweise in einfache und zusammengesetzte Blütenstände.

Echium vulgare, Martina Hartel

Echium vulgare. Foto: Martina Hartel.

Traube
Ein Merkmal von einfachen Blütenständen ist die Bildung einer unverzweigten Blütenstandsachse. Die Traube ist eine Form der einfachen Infloreszenz. Bei ihr stehen ausschließlich gestielte Einzelblüten an der Hauptachse. Beispiele dafür finden wir unter anderem beim Schmalblättrigen Weidenröschen (Epilobium angustifolium), dem Roten Fingerhut (Digitalis purpurea) oder dem Kleinen Odermennig (Agrimonia eupatoria).

Digitalis purpurea, Martina Hartel

Digitalis purpurea. Foto: Martina Hartel.

Ähre
Auch die Ähre ist eine Form der einfachen Infloreszenzen. Hierbei stehen die ungestielte Einzelblüten direkt an der Hauptachse. Typische Beispielarten sind die sogenannten Ährengräser, wie der Ausdauernde Lolch (Lolium perenne) oder Weizen (Triticum aestivum). Unter den Kräutern finden wir Ähren z.B. bei den Wegerichen, wie dem Spitz-Wegerich (Plantago lanecolata), oder – mit etwas farbenfroherem Blütenstand – bei den Gladiolen wie z.B. der Art Sumpf-Siegwurz (Gladiolus palustris).

Plantago lanecolata, Martina Hartel

Plantago lanecolata. Foto: Martina Hartel.

Kätzchen
Als Kätzchen werden in der Botanik die oft hängenden, männlichen Blütenstände einiger Bäume oder Sträucher bezeichnet. Diese bestehen aus kleinen unscheinbaren Einzelblüten, welche als Traube oder Ähre wachsen. Die sogenannten Weidenkätzchen werden an allen Weiden-Arten gebildet, wobei besonders die früh austreibenden, flauschigen Kätzchen der Sal-Weide (Salix caprea) bekannt sind. Aber auch viele andere bekannten Bäume bilden Kätzchen aus, wie z.B. die Stiel-Eiche (Quercus robur), der Gewöhnliche Hasel (Corylus avellana) oder die Hänge-Birke (Betula pendula).

Betula pendula, Flora Capture

Betula pendula via Flora Capture.

Dolde
Bei der Dolde wird von einem Blütenstand gesprochen, bei welchem die gestielten Blüten alle von einem Punkt ausgehen. Die Hauptachse ist somit stark verkürzt. Häufig sieht der Blütenstand dann schirmförmig aus, weshalb die Pflanzen aus der Familie der Doldenblütler oft auch als Schirmblütler (Umbelliferae) bezeichnet werden. Bekannte Pflanzen mit Dolden als Blütenstand sind z.B. der Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium), der Wiesen-Kerbel (Anthriscus sylvestris), aber auch die Wiesen-Primel (Primula veris).

Heracleum sphondylium, Ralf Littger

Heracleum sphondylium. Foto: Ralf Littger.

Rispe
Bei zusammengesetzten Infloreszenzen wird eine verzweigte Blütenstandsachse ausgebildet. Die Seitenachsen der Rispe sind hierbei monopodial verzweigt. Das bedeutet, es gibt eine durchgehende Hauptachse, von welcher die Teilblütenstände abgehen. Typische Beispiele findet man bei den Rispengräsern, wie dem Wiesen-Rispengras (Poa pratensis), aber auch beim Gewöhnlichen Knaulgras (Dactylis glomerata). Erstaunlicherweise ist auch der Blütenstand der Weinrebe (Vitis vinifera) nicht etwa eine Traube, sondern eine Rispe!

Poa pratensis, Michael Rzanny

Poa pratensis. Foto: Michael Rzanny.

Der Walddoktor: Sturmschäden

Stürme sind ein fester Bestandteil unseres Klimas, die deutliche Spuren in unseren Wäldern hinterlassen. Sturmschäden sind zwar natürliche und ökologische Störungen, können jedoch für Waldbesitzer erhebliche wirtschaftliche Folgen mit sich bringen. Ereignisse wie Orkane Vivian (1990), Wiebke (1990), Lothar (1999) und Kyrill (2007) zeigen, wie stark Wälder durch Windwürfe und Windbrüche betroffen sein können. Dabei reicht das Schadensbild von einzelnen abgebrochenen Bäumen bis hin zu großflächigen Schadflächen mit Tausenden umgestürzten Bäumen.

Wichtige Einflussfaktoren

Das Ausmaß von Sturmschäden hängt von mehreren Umwelt- und waldbaulichen Faktoren ab, wie beispielsweise der Windstärke und -geschwindigkeit. Dabei verursachen Stürme mit Windgeschwindigkeiten von über 130 km/h meist großflächige Schäden. Besonders Kuppen und geneigte Hanglagen in Windrichtung gelten als anfällig. Auch auf flachgründigen, kiesig-sandigen und besonders feuchten Böden besteht eine erhöhte Windwurfgefahr.

Anfälligkeit des Baumbestandes

Bäume mit Pfahlwurzeln, wie junge Weißtannen, Kiefern oder Eichen sind besser im Boden verankert und daher widerstandsfähiger gegen Windwurf als solche mit flachem Wurzelsystem, wie der Fichte. Je höher und älter ein Baum, desto größer ist in der Regel die Sturmanfälligkeit. Nadelbäume wie Fichten, Tannen und Douglasien sind anfälliger als Laubbäume, die im Winter durch das fehlende Laub weniger Angriffsfläche bieten. Mehrschichtige, strukturreiche Wälder mit verschiedenen Baumarten sind stabiler als ein- oder zweischichtige Bestände mit nur einer Baumart. Die verschiedenen Höhen und Strukturen bremsen den Wind auf natürliche Weise: Es entstehen feine Luftwirbel, die die die Windlast am Baum abschwächen. Dadurch werden einzelne Bäume entlastet und das Schadausmaß sinkt.

Negative Auswirkungen durch Durchforstung

Eine Durchforstung – also das gezielte Entfernen einzelner Bäume – bringt einen Waldbestand für einige Jahre aus dem Gleichgewicht. Das geschlossene Kronendach wird aufgelockert und die verbleibenden Bäume verlieren vorübergehend den schützenden Halt ihrer Nachbarn. Bereits bestehende Schäden durch Stürme und Pilzbefall erhöhen die Gefährdung zusätzlich.

Folgeschäden durch Borkenkäfer

Sturmschäden führen zu großen Mengen an Schadholz, was dessen Aufarbeitung, Transport und Vermarktung erschwert. Durch die große Menge verfügbaren Materials können die Holzpreise sinken. Nach größeren Sturmereignissen müssen Waldbesitzer:innen auch mit Insektenkalamitäten durch z.B. Borkenkäfer rechnen, denn geschwächte Bäume bleiben länger stehen als empfohlen. In den Vegetationsperioden nach einem Windwurf muss man mit einer enormen Zunahme der Käferpopulation rechnen. Spielt das Wetter mit, kann solch eine Massenvermehrung mehrere Jahre andauern. Nach Stürmen ist daher ein schnelles Aufräumen und sanieren wichtig, um den Käferbefall einzudämmen.

Natürliche Walddynamik

Für die Natur ist ein Sturm eine ökologische Störung, also ein normales Ereignis in der natürlichen Walddynamik. Die Natur hat die Fähigkeit, sich über Jahrzehnte hinweg zu regenerieren. Windwurfflächen zeichnen sich durch eine hohe Biodiversität aus: zahlreiche Insekten profitieren von den helleren und wärmeren klimatischen Bedingungen, was auch Vögeln, Fledermäusen und anderen Tieren zugutekommt. Lichtdurchflutete „Löcher“ im Wald bieten Lebensraum für seltene Arten und unterstützen den genetischen Austausch.

Ein Blick in die Zukunft

Wie sich das Auftreten von Sturmereignissen in Zukunft entwickelt, kann man auch mit den derzeitigen Klimaprognosen nicht genau vorhersagen. Laut Deutschem Wetterdienst und den Ergebnissen des Extremwetterkongresses Hamburg zeigten sich in Deutschland schwächere Windverhältnisse während der zwei letzten Jahrzehnte im Vergleich zu den beiden Jahrzehnten vor dem Jahr 2000. Dennoch werden extreme Stürme auch in Zukunft immer wieder auftreten.

Tipps für Waldbesitzer:innen

Durch umsichtiges Management können Förster:innen die Sturmanfälligkeit reduzieren und die Widerstandsfähigkeit der Wälder erhöhen. Dazu gehört zum Beispiel:

  • Das Fördern von strukturreichen Mischbeständen mit Laubbaumanteilen (z.B. Buche) und stabileren Nadelarten (Kiefer, Lärche). Mehrschichtige Wälder sind stabiler, da sie Windlasten besser verteilen.
  • Förderung der Naturverjüngung: Natürliche Jungbäume wachsen mit besserem Wurzelwerk als gepflanzte. Mit einer gesicherten Naturverjüngung steht die nächste Waldgeneration bereits in den Startlöchern, egal ob ein Sturm kommt oder nicht.
  • Waldrandgestaltung: Flach ansteigende, winddurchlässige Waldränder verringern Windgeschwindigkeiten im Inneren. Außerdem können strukturreiche Waldränder als Übergang vom Wald zum Offenland sehr artenreich sein und zahlreiche geschützte Arten beherbergen.
  • Vermeidung von Stammverletzungen: Umsicht bei der Waldarbeit schützt vor Pilzbefall, der Bäume zusätzlich schwächt.

Der Walddoktor

Die Story-Serie „Der Walddoktor“ entsteht in Zusammenarbeit des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie und der TU Ilmenau mit dem Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha von ThüringenForst im Rahmen des Projektes „Der Walddoktor“. Dieses wird durch das Bundesamt für Bildung und Forschung, das Förderprogramm „Wir! – Wandel durch Innovation in der Region“ und das Bündnis Holz-21-regio gefördert.

 

Serie: Gewürze

Die Gewürznelke

Aromatische Knospen

Gewürznelken sind die getrockneten Blütenknospen des Gewürznelkenbaums (Syzygium aromaticum), welcher auf den Molukken heimisch ist, einer indonesischen Inselgruppe. Taxonomisch gehört er zu den Myrtengewächsen, ist damit unter anderem mit der Gemeinen Myrte (Myrtus communis), der Guave und mit Eukalyptus-Arten verwandt. Der immergrüne, etwa 10 Meter große Baum bildet zahlreiche kurze Rispen aus, an denen die Blüten sitzen. Die 1-2 cm langen Knospen werden in einem knappen Zeitfenster unmittelbar vor dem Erblühen von Hand gepflückt. Anschließend werden sie in der Sonne getrocknet, bis sie hart sind und drei Viertel ihres Gewichts verloren haben.

Gewürz

Ätherische Ölen machen bis zu 15% ihres Gewichts aus, deswegen fühlen sich gute Gewürznelken leicht fettig an und sondern etwas Öl ab, wenn man mit dem Fingernagel gegen den Stiel drückt. Alternativ kann man den Schwimmtest machen: Entölte Nelken schwimmen waagerecht auf der Wasseroberfläche, während noch frische Exemplare absinken oder zumindest senkrecht mit dem Köpfchen nach oben im Wasser schweben. 70-85% der ätherischen Öle macht Eugenol aus, welches auch in Zimt vorhanden ist.

Verwendung

Gewürznelken werden in der Küche der asiatischen, afrikanischen, mediterranen Länder sowie des Nahen und Mittleren Ostens verwendet, um Fleisch, Currys und Marinaden sowie Obst zu würzen. In Europa sind sie häufig in Weihnachtsgebäck zu finden, während sie in Nordamerika als Teil von „Pumpkin Spice“ Gewürzmischungen sehr beliebt sind. Möchtest Du Nelken reiben, verwende nur das runde Köpfchen, da der Stiel sehr bitter ist. In Suppen oder anderen Gerichten kochst Du sie als Ganzes mit und entnimmt sie nach dem Ende der Garzeit.

Aber es gibt auch medizinische Anwendungsgebiete: Kaut man Gewürznelken, wird im Mund Eugenol freigesetzt. Dieses hat eine leicht betäubende Wirkung, weshalb Nelken ein Hausmittel bei Zahnschmerzen sind. Des Weiteren sind antimikrobielle, antifungale, antioxidative, antitumorale und entzündungshemmende Eigenschaften dokumentiert. Willst Du mehr über die gesundheitlichen Aspekte von Gewürznelken wissen, sprich bitte mit Deiner Ärztin, Deinem Arzt oder in der Apotheke darüber.

Trivia

Der deutsche Name „Nelke“ bezieht sich auf die Form der Knospen – sie erinnern an kleine Nägel („Näglein“). Im Volkslied „Guten Abend, gut‘ Nacht“ wird auf ihre Schutzwirkung hingewiesen:

Guten Abend, gute Nacht,
Mit Rosen bedacht,
Mit Näglein besteckt,
Schlupf’ unter die Deck’,

Während die Rosen symbolisch ein schützendes Dach bilden sollten, stehen Gewürznelken mit ihrem hohen Anteil an ätherischen Ölen für die Bitte, das schlafende Kind vor Ungeziefer und Krankheitserregern zu schützen.

Invasive Pflanzen in der EU Teil 6: Einjährige Pflanzen

Unionsliste invasiver Arten

In der EU gibt es rund 12.000 gebietsfremde Arten. Ein kleiner Teil von ihnen erfordert besondere Aufmerksamkeit, da sie heimische Arten in ihrem Bestand gefährden können.

Die EU-Verordnung über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten soll verhindern, dass sich diese Arten ausbreiten, beziehungsweise ein schnelles Reagieren ermöglichen, wenn sich erste Anzeichen einer Ausbreitung zeigen. Um welche Arten genau es sich handelt, steht in der „Unionsliste“. Von den insgesamt 88 aufgeführten invasiven Arten sind 40 Gefäßpflanzen. In einer Artikel-Serie, die zunächst in der Flora-Incognita-App veröffentlicht wurde, stellen wir diese vor. Auf unserer Website findest Du außerdem die Beiträge zu invasiven Sträuchern und BäumenGräsern, Wasser- und Kletterpflanzen sowie mehrjährigen krautigen Pflanzen zum Nachlesen. In diesem Beitrag geht es um einjährige krautige (also nicht verholzende) Pflanzen.

Impatiens glandulifera, das Drüsige Springkraut

Das aus Indien stammende Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) ist in weiten Teilen Europas verbreitet, wo es vor allem feuchte Wälder sowie Auen- und Uferlandschaften besiedelt. Die Pflanzen können sehr schnell über 2,5 Meter groß werden und bilden ein dichtes, flaches Wurzelgeflecht. Durch ihre großen Blätter und dichten Bestände beschatten sie ihren Standort so stark, dass sich im Jahresverlauf keine anderen Pflanzen ansiedeln können. Stirbt das Springkraut im Herbst ab, bleibt der Boden kahl und anfällig für Erosion zurück. Das ist insbesondere an Wasserläufen problematisch. Da es einjährig ist, kann man erste Ansiedlungen des Springkrauts noch gut bekämpfen, indem man die Pflanzen vor der Samenreife tief abschneidet. Auch ein Ausreißen ist wirksam, wenn alle Pflanzenteile schnell kompostiert werden. Verbleiben Sprossteile in der Erde, schlagen sie sehr schnell neue Wurzeln.

Parthenium hysterophorus, das Karottenkraut

Von März bis November blüht das Karottenkraut (Parthenium hysterophorus). In Belgien und Polen gibt es bereits Bestände, die aktuell bekämpft werden. Durch den Klimawandel gehen Expert:innen davon aus, dass weitere Regionen für eine Besiedlung in Frage kommen werden.  Schon wenige Pflanzen produzieren sehr viele Samen, die vom Wind weit verbreitet werden und lange keimfähig bleiben. In Weide- und Ackerflächen sowie im Gartenbau gilt das Karottenkraut als besonders problematisch, da die Art allelopathische Eigenschaften hat – sie gibt Stoffe an ihre Umgebung ab, die das Wachstum anderer Pflanzen unterdrückt. Aber auch für den Menschen ist die Art nicht ohne: Die Inhaltsstoffe können Heuschnupfen und Dermatitis auslösen.

Ausbreitung dokumentieren

Wenn Du Pflanzen mit Flora incognita bestimmst und dabei den Standort freigibst, wird Dein Fund Teil einer wissenschaftlichen Datensammlung, die unseren Wissenschaftler:innen ermöglicht, die Verbreitung von Arten in Zeit und Raum zu erforschen. Unsere Forschungsarbeiten kannst Du hier nachlesen. Aber auch naturschutzfachliche Management-Maßnahmen lassen sich mit diesen Daten schnell und effektiv planen und durchführen. Danke für Deine Hilfe!

Achtung! Die auf der Unionsliste geführten Arten dürfen nicht vorsätzlich in das Gebiet der EU verbracht werden, gehalten, gezüchtet, gehandelt, verwendet, getauscht, zur Fortpflanzung gebracht und in die Umwelt freigesetzt werden!

Titelbild: Drüsiges Springkraut. (MHNT) Impatiens glandulifera.jpg von Didier Descouens. CC BY-SA 4.0

Invasive Pflanzen in der EU Teil 5: Zwei- bis mehrjährige krautige Pflanzen

Unionsliste invasiver Arten

In der EU gibt es rund 12.000 gebietsfremde Arten. Ein kleiner Teil von ihnen erfordert besondere Aufmerksamkeit, da sie heimische Arten in ihrem Bestand gefährden können.

Die EU-Verordnung über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten soll verhindern, dass sich diese Arten ausbreiten, beziehungsweise ein schnelles Reagieren ermöglichen, wenn sich erste Anzeichen einer Ausbreitung zeigen. Um welche Arten genau es sich handelt, steht in der „Unionsliste“. Von den insgesamt 88 aufgeführten invasiven Arten sind 40 Gefäßpflanzen. In dieser Artikel-Serie, die zuvor in der Flora-Incognita-App veröffentlicht wurde, stellen wir diese vor. Auf unserer Website findest Du außerdem die Beiträge zu invasiven Sträuchern und Bäumen, Gräsern, Wasser- und Kletterpflanzen zum Nachlesen. In Teil 5 geht es um zwei- bis mehrjährige krautige (also nicht verholzende) Pflanzen.

Gunnera tinctoria, das Mammutblatt

Die auch als Chilenischer Riesenrhabarber bezeichnete Gunnera tinctoria wurde 1849 in England eingeführt. Von dort sind seit 1908 verwilderte Bestände bekannt, seit den 1930er Jahren auch aus Irland. In weiteren europäischen Ländern gibt es bereits vereinzelte und etablierte Populationen. Das Mammutblatt liebt Uferbereiche von Fließ- und Stillgewässern, aber auch Straßenränder und Steinbrüche. Es bildet Dominanzbestände, die alle ursprüngliche Vegetation beschattet und damit verdrängt. Zudem beeinflusst das dichte Rhizomsystem des Mammutblatts den Nährstoffhaushalt des Bodens.

Heracleum persicum, der Persische Bärenklau

Heracleum persicum wurde als Zierpflanze für Botanische Gärten aus Zentralasien nach Europa eingeführt. Derzeit kommt er verwildert nur in Nordeuropa vor, wo er sich rasch an der Meeresküste und an Flussläufen ausbreitet und durch Dominanzbestände andere Arten verdrängt. Die genaue Abgrenzung zu den beiden anderen Heracleum-Arten der Unionsliste stellt selbst Expert:innen mitunter vor eine Herausforderung:

Heracleum mantegazzianum, der Riesen-Bärenklau

Der aus dem West-Kaukasus stammende Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) galt als gute Bienenweide und war zudem beliebt als Anpflanzung von Deckungsgrün für Wildtiere. Durch Bauschutt und Gartenabfälle wurde die Art rasch weiter verbreitet. Mit bis zu fünf Metern Höhe, einem Stängeldurchmesser von etwa 10 cm und Blättern, die bis zu zwei Meter lang werden sind sie imposante Gewächse, die allerdings erhebliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Ihr Saft enthält phototoxische Inhaltsstoffe, die bei Berührung und Sonneneinstrahlung schwere Hautentzündungen und Verbrennungen hervorrufen können. Dichte Bestände dieser Art haben negative Auswirkungen auf die Pflanzenzusammensetzung und die Samenbank im Boden. Das Management des Riesen-Bärenklaus wird in Deutschland auf 10 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Heracleum sosnowskyi, der Sosnowskyi-Bärenklau

Auch Heracleum sosnowskyi wurde als Zierpflanze und Bienenweide nach Europa eingeführt. Wie die anderen beiden Heracleum-Arten verbreitet er sich über Sprossteile in Erd- und Bodentransporten, sowie durch die zahlreichen Samen, die pro Saison ausgebildet werden. In den baltischen Staaten, dem europäischen Teil Russlands und in der Ukraine gibt es bereits stabile Populationen, in weiteren Ländern gibt es unbeständige Funde. Wie die anderen Heracleum-Arten auch verdrängt er bestehende Vielfalt, verändert die Bodenchemie und führt bei Berührung zu starken phototoxischen Verbrennungen.

Lespedeza cuneata, der Japanische Klee

Der Japanische Klee (Lespedeza cuneata) gilt als gute Futterpflanze und wurde möglicherweise über Heuimporte nach Europa eingeschleppt. Auch die Auswilderung aus gärtnerischen Einrichtungen gilt als möglicher Importweg. Vor allem Regionen im nördlicheren Europa mit trockneren Wintern und feuchten Sommern könnten von dieser Art besiedelt werden; Wiesen, Weiden, naturnahes Grasland und Heideland sind bevorzugte Habitate. Studien aus anderen Regionen zeigen, dass die Art andere durch dichte Bestände verdrängt, den Boden durch Stickstoffanreicherung chemisch verändert und mehr Bestäuber anzieht als gleichzeitig blühende einheimische Arten.

Koenigia polystachya, der Himalaja-Bergknöterich

In seinem natürlichen Verbreitungsgebiet besiedelt der Himalaja-Bergknöterich (Koenigia polystachya) Wälder und Täler in hohen Lagen zwischen 2.200 und 4.500 m. Er vermehrt sich sowohl über Samen als auch vegetativ. Schon Stängelabschnitte von einem Zentimeter können ausreichen, um eine neue Kolonie zu gründen. Einmal etabliert, bildet die Art dichte Bestände aus, die den sensiblen heimischen alpinen bis subalpinen Arten keinen Raum mehr lassen. Aber auch außerhalb von Gebirgen findet man den Himalaja-Bergknöterich entlang von Straßenrändern und anderen Transportwegen wie Bahnschienen, an Waldrändern und Wiesen, Gewässerufern, in Feuchtgebieten und in Städten und Dörfern.

Lysichiton americanus, die Gelbe Scheincalla

Schön anzusehen, doch eine Gefahr für die regionale Artenvielfalt: die Gelbe Scheincalla (Lysichiton americanus) hielt als Zierpflanze Einzug in Europa, und wurde mitunter absichtlich ins Freiland ausgebracht. An naturnahen, beschatteten Ufern von Fließgewässern, Quellen, Sümpfen und Bruchwäldern verbreitet sie sich vor allem vegetativ, aber auch über die vielen Samen, die sie ausbildet (300 bis 650 pro Kolben). Pflanzen dieser Art können bis zu 80 Jahre alt werden und wachsen langsam – was sie von anderen, sich eher aggressiv ausbreitenden invasiven Arten unterscheidet. In Finnland, Schweden, Dänemark, Irland, Großbritannien, Niederlande, Belgien, Frankreich, Deutschland, und der Schweiz wurde sie bereits nachgewiesen. Die etwa 1 Meter großen kräftigen Pflanzen verdrängen empfindliche Arten der Feuchtgebiete durch Konkurrenz um Ressourcen.

Ausbreitung dokumentieren

Wenn Du Pflanzen mit Flora incognita bestimmst und dabei den Standort freigibst, wird Dein Fund Teil einer wissenschaftlichen Datensammlung, die unseren Wissenschaftler:innen ermöglicht, die Verbreitung von Arten in Zeit und Raum zu erforschen. Unsere Forschungsarbeiten kannst Du hier nachlesen. Aber auch naturschutzfachliche Management-Maßnahmen lassen sich mit diesen Daten schnell und effektiv planen und durchführen. Danke für Deine Hilfe!

Achtung! Die auf der Unionsliste geführten Arten dürfen nicht vorsätzlich in das Gebiet der EU verbracht werden, gehalten, gezüchtet, gehandelt, verwendet, getauscht, zur Fortpflanzung gebracht und in die Umwelt freigesetzt werden!

Titelbild: Persischer Bärenklau. Tromsopalme-topdown.jpg von Krister Brandser. Public Domain.

Invasive Pflanzen in der EU Teil 3: Gräser

Unionsliste invasiver Arten

In der EU gibt es rund 12.000 gebietsfremde Arten. Ein kleiner Teil von ihnen erfordert besondere Aufmerksamkeit, da sie heimische Arten in ihrem Bestand gefährden können.

Die EU-Verordnung über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten soll verhindern, dass sich diese Arten ausbreiten, beziehungsweise ein schnelles Reagieren ermöglichen, wenn sich erste Anzeichen einer Ausbreitung zeigen. Um welche Arten genau es sich handelt, steht in der „Unionsliste“. Von den insgesamt 88 aufgeführten invasiven Arten sind 40 Gefäßpflanzen. In einer Artikel-Serie, die zunächst in der Flora-Incognita-App veröffentlicht wurde, stellen wir diese vor – beginnend mit Sträuchern und Bäumen, gefolgt von Wasserpflanzen. In Teil drei geht es um invasive Gräser. Auf unserer Website findest Du außerdem Beiträge zu invasiven Kletterpflanzen sowie zu mehrjährigen, krautigen Pflanzen.

Andropogon virginicus, die Blaustängelige Besensegge

Samen des amerikanischen Steppengrases Andropogon virginicus wurden wahrscheinlich über gartenbauliche Saatgutmischungen, verschmutzte Maschinen, Kleidung und Heuimporte nach Europa gebracht, und auf einem Truppenübungsplatz in Frankreich führte vermutlich kontaminierte NATO-Munition zu seiner Einschleppung. Die Pflanze bildet ausdauernde Horste, die bis über 2 Meter groß werden können und große Mengen abgestorbenes Material enthalten, welches als brandfördernd gilt. Schnell entwickeln sie einen dichten Bewuchs, der vorhandenen Arten den Platz nimmt, sich zu entwickeln. Außerdem werden bei ihrer Zersetzung bestimmte chemische Substanzen freigesetzt, die die Fruchtbarkeit des umgebenden Bodens senken (hohes allelopathisches Potenzial).

Cortaderia jubata, das Purpur-Pampasgras

Pampasgräser sind beliebte Zierpflanzen, aber nicht alle Vertreter dieser Gattung haben invasive Eigenschaften. Zudem gestaltet sich die konkrete Artbestimmung als schwierig – manche Taxonomen gehen davon aus, dass Cortaderia jubata nur eine Unterart der ebenfalls zur Verwilderung neigenden Art Cortaderia selloana ist. Sind unreife Rispen vorhanden, kann man C. jubata von C. selloana recht gut unterscheiden, denn bei C. jubata sind diese rosa bis tiefviolett – erst im reifen Zustand werden sie cremeweiß (C. selloana – im unreifen Zustand hellviolett bis silberweiß). Zur Keimung brauchen die Samen offene, sonnige und feuchte Bedingungen, was sie insbesondere in Küstenregionen und Dünenlandschaften problematisch macht. Auch wenn es derzeit nur wenige Orte in Europa gibt, wo C. jubata beständig ist, gehen Modellrechnungen davon aus, dass im Zuge des Klimawandels für große Teile Süd- und Westeuropas ein erhebliches Invasionsrisiko besteht.

Ehrharta calycina, das Steppengras

In Portugal und Spanien ist das aus Afrika stammende Purpur-Veldtgras Ehrharta calycina bereits etabliert. Da sich seine Samen durch den Wind verbreiten und an offenen Standorten leicht keimen, besteht auch für weitere Teile Europas die Gefahr, dass sich diese Art erfolgreich ausbreitet. Einmal angekommen, verwandelt es vielfältige Habitate wie Dünen und Gebüsche in Graslandschaften, von denen eine große Brandgefahr ausgeht. Nach einem Feuer treibt es schnell wieder aus und unterdrückt somit erfolgreich andere Arten. Ehrharta calycina hat zudem allelopathische Eigenschaften: Ihr Vorhandensein führt zu einer Verschiebung des Nährstoffkreislaufs, indem sich Phosphor aus der Biomasse im Boden anreichert.

Microstegium vimineum, das Japanische Stelzengras

Als Verbreitungswege von Microstegium vimineum wurden unter anderem bereits dokumentiert: Die Haftung der Samen oder der Frucht an Kleidung und Schuhen von Reisenden, verunreinigtes Vogelfutter, Ausrüstungen und Fahrzeuge, die in der Land- und Forstwirtschaft, im Baugewerbe oder zur Müllentsorgung verwendet werden. Bislang wurde die Art in der Türkei, Georgien und im Nordkaukasus nachgewiesen, an Straßen und Bahnanlagen, Gräben und Forststraßen, in Auwäldern, Feuchtwiesen, Wirtschaftswäldern, an Wald- und Flussrändern. Ihre zahlreichen Kriechtriebe verdrängen schwächere Arten und beschatten den Boden. In Folge dessen kommt es zu vielfältigen Veränderungen der Bodeneigenschaften, und der Zusammensetzung der ansässigen Pflanzenfresser- und Gliederfüßergemeinschaften.

Cenchrus setaceus, das Afrikanische Lampenputzergras

Einst als Zierpflanze geschätzt, verbreitet sich Cenchrus setaceus nun in Spanien (Balearische und Kanarische Inseln), Frankreich, Italien (Kalabrien, Sardinien, Sizilien), an der portugiesischen Algarve sowie auf Zypern und Malta aus. Der Klimawandel macht weitere Regionen Europas für eine Besiedlung attraktiv, vor allem trockene und steinige Gras- und Küstenlandschaften. Da die Art dem Boden das verbliebene Wasser entzieht und den Nährstoffkreislauf verändert, wirkt sich ihr Vorhandensein negativ auf die lokale Biodiversität aus.

Ausbreitung dokumentieren

Wenn Du Pflanzen mit Flora incognita bestimmst und dabei den Standort freigibst, wird Dein Fund Teil einer wissenschaftlichen Datensammlung, die unseren Wissenschaftler:innen ermöglicht, die Verbreitung von Arten in Zeit und Raum zu erforschen. Unsere Forschungsarbeiten kannst Du auf unserer Webseite nachlesen. Aber auch naturschutzfachliche Management-Maßnahmen lassen sich mit diesen Daten schnell und effektiv planen und durchführen. Danke für Deine Hilfe!

Achtung! Die auf der Unionsliste geführten Arten dürfen nicht vorsätzlich in das Gebiet der EU verbracht werden, gehalten, gezüchtet, gehandelt, verwendet, getauscht, zur Fortpflanzung gebracht und in die Umwelt freigesetzt werden!

Titelbild: Steppengras (Ehrharta calycina plant6), Harry Rose, Australia, CC BY  2.0, via flickr.

Invasive Pflanzen in der EU Teil 4: Kletterpflanzen

Unionsliste invasiver Arten

In der EU gibt es rund 12.000 gebietsfremde Arten. Ein kleiner Teil von ihnen erfordert besondere Aufmerksamkeit, da sie heimische Arten in ihrem Bestand gefährden können.

Die EU-Verordnung über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten soll verhindern, dass sich diese Arten ausbreiten, beziehungsweise ein schnelles Reagieren ermöglichen, wenn sich erste Anzeichen einer Ausbreitung zeigen. Um welche Arten genau es sich handelt, steht in der „Unionsliste“. Von den insgesamt 88 aufgeführten invasiven Arten sind 40 Gefäßpflanzen. In einer Artikel-Serie, die zunächst in der Flora-Incognita-App veröffentlicht wurde, stellen wir diese vor. Auf unserer Website findest Du außerdem die Beiträge zu invasiven Sträuchern und Bäumen, Gräsern, Wasserpflanzen sowie zu mehrjährigen, krautigen Pflanzen zum Nachlesen. In Teil 4 geht es um Kletterpflanzen.

Cardiospermum grandiflorum, der Ballonwein

Als Zierpflanze wurde der Cardiospermum grandiflorum aus Mittel- und Südamerika fast weltweit verbreitet. Seine kleinen weißen Blüten und attraktiven Früchte sollten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die verholzenden Triebe massive Teppiche bilden können, welche Bäume von 10-20 Meter höhe vollständig überwuchern können. Damit verdunkeln sie den darunter befindlichen Lebensraum und können mit ihrem Gewicht auch zu einem Zusammenbrechen der bewachsenen Strukturen führen. Des Weiteren werden Wild- und Weidetiere an ihrer freien Bewegung oder Migration gehindert.

Lygodium japonicum, der Japanische Kletterfarn

Im Osten Asiens ist Lygodium japonicum heimisch. Die Pflanze bildet an ihren kriechenden Rhizomen Wedel, die bis zu 30 Meter lang werden können und kletternde Eigenschaften haben. Die Art produziert sehr kleine Sporenkapseln, die über Kleidung und Gepäck, aber auch in Blumenerde leicht verbreitet werden können. Der Japanische Kletterfarn ist gut an Kälte angepasst, seine Sporen bleiben trotz Frost lebensfähig. Dennoch bevorzugt er feuchtwarme Standorte zur Ausbreitung. In Nordamerika verändert die Art bereits die Intensität und das Ausmaß von Brandereignissen, da sie Flammen schnell in die Kronen der Bäume klettern lässt.

Pueraria montana, Kudzu

Pueraria montana, oder auch Kudzu genannt, gehört zu den Hülsenfrüchtlern und stammt aus Ostasien. Laut IUCN gehört sie zu den 100 aggressivsten invasiven Neophyten, denn sie kann in nur wenigen Jahren eine existierende Vegetation komplett überdecken und zerstören. Neben den ausdauernden, kräftigen Lianen, die bis zu 20 Meter pro Jahr wachsen können, bildet sie Wurzelknollen als Überdauerungsorgane. Diese können Längen von 2 Meter, Durchmesser von 18 bis 45 Zentimeter und ein Gewicht von 180 kg erreichen. Sie besiedelt Gärten, Straßenböschungen und Seeufer. In der Schweiz und in Italien findet sich Kudzu bereits in warmen Lagen.

Celastrus orbiculatus, der Rundblättrige Baumwürger

Einst als Zierpflanze eingeführt, ist der Rundblättrige Baumwürger (Celastrus orbiculatus) trotz Handelsverbot noch immer hier und da erhältlich. Seine Verbreitung erfolgt durch unsachgemäße Entsorgung von Pflanzenteilen und beerenfressende Vögel. Kann die Liane an Bäumen emporklettern, wird sie bis zu 12 Meter hoch. Andernfalls bildet sie ein sehr dichtes, bodendeckendes Geflecht. Noch jung sorgt sie für eine massive Beschattung der Vegetation und erhöht das Bruchrisiko von jungen Bäumen. Mit zunehmendem Dickenwachstum übt der Baumwürger zunehmenden Druck auf seine Trägerbäume aus und kann sie „erdrosseln“.

Humulopsis scandens, Japanischer Hopfen

Japanischer Hopfen (Humulopsis scandens) war vielerorts eine beliebte Zierpflanze zur Begrünung von Spalieren und Zäunen. Natürlicherweise besiedelt er recht schnell Flussläufe, aber seine neuen Ausbreitungswege sind von menschlicher Aktivität bestimmt. Hat er einmal Fuß gefasst, ist er in der Lage, durch Überwuchern und Beschatten Lebensräume strukturell und funktionell zu verändern und damit die Artenvielfalt zu reduzieren. Insbesondere Röhrichte oder Weidensäume sind vom Japanischen Hopfen bedroht. Die Art ist einjährig, was bedeutet, dass der Boden mit dem Ende der Vegetationszeit offen liegt und damit anfällig für Erosion durch das Wasser wird.

Persicaria perfoliata, der Durchwachsene Knöterich

Der Durchwachsene Knöterich (Persicaria perfoliata) ist eine ein- bis mehrjährige Liane und kann bis zu 8 Meter hoch klettern. Noch ist die Art in Europa nicht etabliert, würde aber in Wäldern und auf gestörten Flächen gute Lebensbedingungen vorfinden. Ihre Samen werden gern von Tieren gefressen, was eine schnelle Ausbreitung ermöglicht. In den USA bildet sie dichte Matten, die die Vegetation überdecken und die darunterliegenden Arten zum Absterben bringen. Dort meldet die Forstwirtschaft bereits wirtschaftliche Schäden; ebenso Obstbauern, Baumschulen und die Tourismusbranche.

Ausbreitung dokumentieren

Wenn Du Pflanzen mit Flora incognita bestimmst und dabei den Standort freigibst, wird Dein Fund Teil einer wissenschaftlichen Datensammlung, die unseren Wissenschaftler:innen ermöglicht, die Verbreitung von Arten in Zeit und Raum zu erforschen. Unsere Forschungsarbeiten kannst Du hier nachlesen. Aber auch naturschutzfachliche Management-Maßnahmen lassen sich mit diesen Daten schnell und effektiv planen und durchführen. Danke für Deine Hilfe!

Achtung! Die auf der Unionsliste geführten Arten dürfen nicht vorsätzlich in das Gebiet der EU verbracht werden, gehalten, gezüchtet, gehandelt, verwendet, getauscht, zur Fortpflanzung gebracht und in die Umwelt freigesetzt werden!

Titelbild: Durchwachsener Knöterich. (Mile-a-minute-weed (28816287065).jpg) von Katja Schulz. CC BY 2.0.

Invasive Pflanzen in der EU Teil 2: Wasserpflanzen

Unionsliste invasiver Arten

In der EU gibt es rund 12.000 gebietsfremde Arten. Ein kleiner Teil von ihnen erfordert besondere Aufmerksamkeit, da sie heimische Arten in ihrem Bestand gefährden können.

Die EU-Verordnung über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten soll verhindern, dass sich diese Arten ausbreiten, beziehungsweise ein schnelles Reagieren ermöglichen, wenn sich erste Anzeichen einer Ausbreitung zeigen. Um welche Arten genau es sich handelt, steht in der „Unionsliste“. Von den insgesamt 88 aufgeführten invasiven Arten sind 40 Gefäßpflanzen. In dieser Artikel-Serie, die zuvor in der Flora-Incognita-App veröffentlicht wurde, stellen wir diese vor. Auf unserer Website findest Du außerdem die Beiträge zu invasiven Bäumen und Sträuchern, Gräsern, Kletterpflanzen sowie zu mehrjährigen krautigen Pflanzen zum Nachlesen.

Verbreitung und Schaden

Der Hauptgrund für die Verbreitung von invasiven Wasserpflanzen ist das unsachgemäße Entsorgen von Aquarien- und (Gartenteich-) Zierpflanzen in der Natur. Trotz des bestehenden Handelsverbots sind manche der gelisteten Arten in Geschäften oder über nachbarschaftliche Tauschaktionen erhältlich. In einem geeigneten Lebensraum angekommen, verbreiten sie sich rasch, zum Beispiel durch Ausläufer und Stängelstücke, die durch Vögel oder Boote abgetrennt werden. Alle hier vorgestellten Arten können massive Bestände auf und unter Wasser bilden, in dessen Folge es zu schweren Störungen der Nahrungskette und Nährstoffdynamik im Gewässer kommt. In zahlreichen Ländern fallen für Management-Maßnahmen zur Gewässerreinigung bereits viele Millionen an Kosten an.

Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes)

Zu den 100 gefährlichsten Neobiota weltweit zählt die Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes). Sie stammt aus den Tropen Südamerikas und wurde als Teichbepflanzung weltweit in den Handel gebracht. Ohne Fressfeinde vermehrt sie sich massenhaft, in nur 2 Wochen verdoppelt sie ihre Fläche. Unter dem dicken Pflanzenteppich, der Schifffahrt und Fischerei behindert, sterben andere Wasserpflanzen. Das führt zu einer chemischen Veränderung des Wassers, die auch Fische verenden lässt. Zudem reduziert der Bewuchs die Fließgeschwindigkeit des Wassers, was zu einer Verschlammung führt.

Invasive Pflanzen am Wasser und in flachen Zonen

Sowohl das Großblütige Heusenkraut (Ludwigia grandiflora), als auch sein Verwandter, das Flutende Heusenkraut (Ludwigia peploides) bilden in kürzester Zeit dichte Teppiche aus, und schon Stücke von 1 cm Länge reichen aus, um einen neuen Bestand aufzubauen. Anfällig für Invasion durch das Alligatorkraut (Alternanthera philoxeroides) sind vor allem natürliche und naturnahe Wälder, Uferbereiche und Feuchtgebiete. Mit seinen bis zu 10 Meter langen Stolonen bildet er dichte, verwobene Teppiche aus. Zur Blütezeit ragen diese über das Wasser hinaus – allerdings wurden neophytische Bestände noch nicht blühend beobachtet. Hier erfolgt die Vermehrung vegetativ.

(Meist) untergetaucht lebende Arten in langsam fließenden Gewässern

Die Schmalblättrige Wasserpest (Elodea nuttallii) gedeiht bis in 3 Metern Tiefe und bildet dichte Bestände aus, die andere, sensible Arten wie die gefährdete Krebsschere (Stratiotes aloides) verdrängen. Die Wechselblatt-Wasserpest (Lagarosiphon major) bildet sogar bis zu 5 Meter lange Sprosse aus. Zwei weitere Unterwasserpflanzen sind die Karolina-Haarnixe (Cabomba caroliniana), die trotz ihrer subtropischen Herkunft Winterfröste überdauern kann und das Verschiedenblättrige Tausendblatt (Myriophyllum heterophyllum), welches in bis zu 10 Metern Tiefe wurzeln und dennoch Wasseroberflächen komplett bedecken kann.

(Meist) auf der Oberfläche wachsende Arten in langsam fließenden Gewässern

Der Große Wassernabel (Hydrocotyle ranunculoides) breitet sich entlang von Fließgewässern aus, wo seine bis zu 6 cm breiten, rundlichen Blätter über dem Wasser geschlossene Decken bilden. Die Bekämpfung der Art kostet in den Niederlanden rund 10.000 Euro pro Kilometer Kanal. Der Wassersalat (Pistia stratiotes) ist als Muschelblume trotz Verbots häufig im Handel erhältlich. Seine Samen können Trockenheit und Frost überdauern. Große Bestände beeinträchtigen die Wasserwirtschaft und reduzieren die Lichtverfügbarkeit im Wasser.

Klimawandel treibt Verbreitung voran

In manchen Thermalgewässern Ungarns und Italiens gilt der Falsche Wasserfreund (Gymnocoronis spilanthoides) bereits als etabliert und verändert mit seinen langen Sprossen die Gewässerstrukturen. Aufgrund des Klimawandels gibt es jedoch in weiten Teilen Europas zahlreiche Flüsse, Kanäle, Seen und Teiche, die potentiell als zukünftiger Lebensraum in Frage kommen würden. Das gleiche gilt für den frei schwimmenden Wasserfarn (Salvinia molesta), der unter günstigen Bedingungen langsame Fließgewässer mit bis zu 1 m dicken Matten bedecken kann. Aber auch das Brasilianische Tausendblatt (Myriophyllum aquaticum) profitiert von höheren Wassertemperaturen.

Achtung! Die auf der Unionsliste geführten Arten dürfen nicht vorsätzlich in das Gebiet der EU verbracht werden, gehalten, gezüchtet, gehandelt, verwendet, getauscht, zur Fortpflanzung gebracht und in die Umwelt freigesetzt werden!

Titelbild: Wasserhyazinthe, Dinesh Valke from Thane, India, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Invasive Pflanzen in der EU Teil 1: Sträucher und Bäume

Unionsliste invasiver Arten

In der EU gibt es rund 12.000 gebietsfremde Arten. Ein kleiner Teil von ihnen erfordert besondere Aufmerksamkeit, da sie heimische Arten in ihrem Bestand gefährden können.

Die EU-Verordnung über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten soll verhindern, dass sich diese Arten ausbreiten, beziehungsweise ein schnelles Reagieren ermöglichen, wenn sich erste Anzeichen einer Ausbreitung zeigen. Um welche Arten genau es sich handelt, steht in der „Unionsliste“. Von den insgesamt 88 aufgeführten invasiven Arten sind 40 Gefäßpflanzen. In dieser Artikel-Serie, die zuvor in der Flora-Incognita-App veröffentlicht wurde, stellen wir diese vor. Auf unserer Website findest Du außerdem die Beiträge zu invasiven Gräsern, Wasser- und Kletterpflanzen sowie zu mehrjährigen krautigen Pflanzen zum Nachlesen.

Sträucher und kleine Bäume

Die 2-6 Meter hohe Weidenblatt-Akazie (Acacia saligna) stammt aus Australien und vermehrt sich rasch, sodass sich Dominanzbestände ausbilden können. Da sie zudem Stickstoff im Boden anreichert, werden Arten verdrängt, die auf nährstoffarme Böden angewiesen sind. Der Kreuzstrauch (Baccharis halimifolia) toleriert hohe Salzgehalte im Boden, verdrängt Röhricht und Binsen und verändert damit sensible Lebensräume wie Salzmarschen. Das Nadelblättrige Nadelkissen (Hakea sericea) besiedelt in dichten Beständen gestörte Flächen, z.B. Straßenränder, Waldränder, trockenes Grünland und Kiefernwälder. Die Gewöhnliche Seidenpflanze (Asclepias syriaca) wurde einst in Europa als Bienenweide eingeführt und verdrängt heute durch ihre rasche Ausbreitung und großen Populationen heimische Pflanzenarten auf Trockenrasenstandorten.

Größere Bäume

Noch gibt es in Europa außer auf Gran Canaria keine stabilen Bestände des Mesquitebaums (Prosopis juliflora). Er gehört zu den 100 invasivsten verholzenden Gewächsen weltweit, weswegen er vorsorglich auf die Liste aufgenommen wurde. Ebenfalls unter Beobachtung steht der Chinesische Talgbaum (Triadica sebifera). Sein potenzielles Ausbreitungsgebiet sind der Mediterranraum, der Südwesten der Iberischen Halbinsel und die südlichen und östlichen Teile der Schwarzmeerküste. Bereits in weiten Teilen Europas ist der Götterbaum (Ailanthus altissima) verbreitet, und der Klimawandel begünstigt seine Ausbreitung weiter. Ein einzelnes Individuum kann bis zu 325.000 Samen pro Jahr produzieren. Darüber hinaus erfolgt auch vegetative Vermehrung durch Ausläufer. Durch seinen Stoffwechsel hemmt er das Wachstum der Pflanzen in seiner Umgebung (Allelopathie).

Achtung! Die auf der Unionsliste geführten Arten dürfen nicht vorsätzlich in das Gebiet der EU verbracht werden, gehalten, gezüchtet, gehandelt, verwendet, getauscht, zur Fortpflanzung gebracht und in die Umwelt freigesetzt werden!

Weitere Informationen:

Ausführliche Steckbriefe zu den Arten der Unions-Liste hat das Bundesamt für Naturschutz in einem Kompendium veröffentlicht, welches frei heruntergeladen werden kann: Die invasiven gebietsfremden Arten der Unionsliste der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 – Dritte Fortschreibung 2022 –

Bildnachweis Titelbild:
Ailanthus altissima, Fruchtstand. Von H. Zell – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10860477

Fichte ist nicht gleich Fichte: Der spannende Fall der „Hochlagentypen“ in unseren Mittelgebirgen

Botanischer Steckbrief der Fichte

Die Gemeine Fichte (Picea abies), aufgrund ihrer Rindenfärbung manchmal auch Rotfichte genannt, ist eine der dominierenden Baumarten in den Mittel- und Hochlagen unserer Gebirge und eine wichtige Grundlage der forstlichen Wertschöpfung. Auch wenn diese Baumart in tieferen Lagen durch die Trockenheit der letzten Jahre stark zurückgegangen ist, wird sie im niederschlagsreichen Bergland weiterhin eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielen. Die Fichte ist eingeschlechtig und windbestäubt und weist innerhalb ihres Verbreitungsgebietes in Europa und Asien eine sehr hohe morphologische Variabilität auf. Die im deutschen Bergland vorkommende heimische (autochthone) Fichte P. abies subsp. oder var. alpestris unterscheidet sich durch ihre schmalere und zylindrischere Krone deutlich von den Fichten tieferer Lagen.

Aktueller Blick vom Finsterberger Köpfchen (875 m ü NN) auf den noch von Fichten dominierten Nordrand des Thüringer Waldes. Foto: Dr. Kevin Karbstein (24.08.2024)

Aktueller Blick vom Finsterberger Köpfchen (875 m ü NN) auf den noch von Fichten dominierten Nordrand des Thüringer Waldes. Foto: Dr. Kevin Karbstein (24.08.2024)

Schadereignisse und Waldumbau

Die „Hochlagenfichten“ wurden vor allem im 19. und 20. Jahrhundert durch Rodung, Sturm und Borkenkäferbefall stark reduziert, wie das Bild zeigt. Die Pflanzung von standortfremden „Tieflagenfichten“ nach diesen Ereignissen verstärkte die Verdrängung der Hochlagentypen durch genetische Vermischung der nachfolgenden Generationen. Viele Bestände sind bereits erloschen oder vom Aussterben bedroht, wie beispielsweise die über >250 Jahre alten „Oberhofer Schloßbergfichten“ in Thüringen, die im Titelbild dieses Artikels  zu sehen sind. In den letzten Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, dass nur durch einen naturnahen Waldumbau im Gebirge den Nachteilen nicht angepasster Fichtenbestände durch Schneebruch, Sturmschäden und Schädlinge entgegengewirkt werden kann. Diese Schäden sind vermutlich auf den instabileren Wuchs und die wind- und nebelfrostempfindliche, ausladende Krone der Tieflagenfichten zurückzuführen.

Kahlflächen in den Hochlagen des Thüringer Waldes nach Räumung des Schadholzes (1949). Aus: Schreiber et al. (1996)

Kahlflächen in den Hochlagen des Thüringer Waldes nach Räumung des Schadholzes (1949). Aus: Schreiber et al. (1996)

Forschung

Bisher erschwerte das Fehlen einer Übersicht leicht zugänglicher Merkmale (z. B. Phänologie, Kronenarchitektur oder Zapfen) die Ansprache und damit die Förderung bzw. Entnahme beider Fichtentypen. In einer kürzlich erschienenen Studie von Dr. Kevin Karbstein und Mitarbeiter:innen hauptsächlich von ThüringenForst wurden die Ergebnisse aus über 70 Jahren Hochlagenfichtenforschung zusammengefasst, bewertet und hinsichtlich ihrer Eignung für die forstliche Praxis und den zukünftigen Waldumbau diskutiert.

Praxisrelevante Merkmale zur Unterscheidung von Hoch- und Tieflagenfichtenbeständen am Beispiel der Oberhofer Schloßbergfichten. Foto: Karina Kahlert (14.03.2016), bearbeitet von Dr. Kevin Karbstein und Anke Bebber mit Informationen aus Apel et al. (1965)

Praxisrelevante Merkmale zur Unterscheidung von Hoch- und Tieflagenfichtenbeständen am Beispiel der Oberhofer Schloßbergfichten. Foto: Karina Kahlert (14.03.2016), bearbeitet von Dr. Kevin Karbstein und Anke Bebber mit Informationen aus Apel et al. (1965)

Wuchsform „Hochlagenfichte“

Innerhalb eines jungen Bestandes (<30-40 Jahre) zeichnen sich Hochlagenfichten durch einen früheren und schnelleren Austrieb, einen gedrungenen, kugeligen Wuchs mit teilweise starker Verzweigung, und insgesamt einer geringeren Gesamthöhe aus. Die Höhenunterschiede zwischen wenige Jahre alten Hoch- und Tieflagenfichten können erheblich sein (ca. 20 vs. 35-40cm). Der bei jungen Hochlagenfichten oft fehlende zweite Jahrestrieb (August- oder Johannistrieb genannt) wurde mehrfach erfolgreich als Höhenlagentest eingesetzt. Diese Anpassungen sind vermutlich die Ursache für die geringere Wuchsleistung von Hoch- im Vergleich zu Tieflagenfichten in unseren Mittelgebirgen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal beider Wuchsformen ist die Anzahl der Bänder der Spaltöffnungen an der Unterseite der Nadeln, wie hier im Bild gezeigt.

Unterschiede in den Spaltöffnungen (Stomata) des Nadelblattes. Die Hochlagentypen haben durchschnittlicher weniger Bänder und Spaltöffnungen. Foto Stomata (29/30.10.2015) und Fichte (27.10.2015) im Hintergrund: Dr. Kevin Karbstein.

Unterschiede in den Spaltöffnungen (Stomata) des Nadelblattes. Die Hochlagentypen haben durchschnittlicher weniger Bänder und Spaltöffnungen. Foto Stomata (29/30.10.2015) und Fichte (27.10.2015) im Hintergrund: Dr. Kevin Karbstein.

Krone und Zapfen
Hochlagenfichten zeigen außerdem mit zunehmendem Baumalter eine bürsten- bis plattenartige Kronenverzweigung mit schmaler, walzenförmiger Krone, kürzeren Seitenästen, geringerem Kronendurchmesser, dichter sitzenden Nadeln und verkehrt eiförmigen Zapfenschuppenkörper (obovata-Typ) mit breit abgerundeter Spitze. Die in der forstlichen Praxis häufig angewandte Kronenverzweigung ist erst nach ca. 75 Jahren Entwicklungszeit sicher ansprechbar. Die Kronenmerkmale der Hochlagenfichten bedingen vermutlich eine höhere Bruchfestigkeit gegenüber Sturm und Nebelfrost.

Fichte im Hintergrund: ezp via Getty Images; Foto Zapfenschuppen: Greger, O. (1992): Erfassung von Relikten des autochthonen Fichtenvorkommens im Hochharz. Aus dem Walde 44: S. 1–319, bearbeitet von Anke Bebber

Fichte im Hintergrund: ezp via Getty Images; Foto Zapfenschuppen: Greger, O. (1992): Erfassung von Relikten des autochthonen Fichtenvorkommens im Hochharz. Aus dem Walde 44: S. 1–319, bearbeitet von Anke Bebber

Fichten-Genetik und Waldumbau

Insgesamt ist bei der Unterscheidung von Hoch- und Tieflagenfichten zu beachten, dass die morphologischen Unterschiede wahrscheinlich nur durch sehr wenige DNA-Unterschiede und vor allem durch umweltabhängige Veränderungen außerhalb der DNA (epigenetisch) erzeugt werden. Die erwähnten morphologischen Unterschiede treten aufgrund häufigen genetischen Austausches oft nur graduell auf, was deren Ansprache erschwert. Die Studien deuten außerdem darauf hin, dass je nach Umweltbedingungen immer wieder eine bestimmte Variante aus dem regionalen Genpool selektiert wurde. Die Schadereignisse des 20. Jahrhunderts mit der Einbringung gebietsfremder Tieflagenfichten in Gebirgslagen haben dieses Gleichgewicht gestört. Durch die Wiedereinbringung angepasster Fichtengenotypen können die Mischwälder der Berglagen wieder stabilisiert und für die Zukunft gestärkt werden.

Balkendiagramme der Genotypenfrequenz (z.B. A/A) an zwei Stellen des Gigantea Gens (a GI6- 1089, b GI6-1207) für den (von links nach rechts) plattigen, intermediären (bürstigen) und kammartigen Fichtentyp. N repräsentiert die Stichprobenanzahl. Foto: Caré et al. (2020)

Balkendiagramme der Genotypenfrequenz (z.B. A/A) an zwei Stellen des Gigantea Gens (a GI6- 1089, b GI6-1207) für den (von links nach rechts) plattigen, intermediären (bürstigen) und kammartigen Fichtentyp. N repräsentiert die Stichprobenanzahl. Foto: Caré et al. (2020)

Quellen:

Karbstein et al. (2021). “High-altitude spruces” in Central Europe – a summarizing contribution to phenotypic and (epi)genetic differentiation within Picea abies (L.) H.KARST.

Schreiber, A., Elmer, W. und Erlbeck, G. (1999): Die Orkankatastrophe und Borkenkäferkalamität im Thüringer Wald 1946 bis 1954 – 50 Jahre danach. Mitteilungen des Thüringer Forstvereins e.V., Sonderdruck.

Apel, J. und Hoffmann, J. (1965): Über Vorkommen und Zusammensetzung autochthoner Höhenfichtenbestände und die Bedeutung der Fichtentypen für die Bewirtschaftung der höheren Lagen des Thüringer Waldes. Die sozial. Forstwirtschaft 15: S. 242–246.

Caré, O., Gailing, O., Müller, M., Krutovsky, K. V. und Leinemann, L. (2020): Crown morphology in Norway spruce (Picea abies [KARST.] L.) as adaptation to mountainous environments is associated with single nucleotide polymorphisms (SNPs) in genes regulating seasonal growth rhythm.